82 Jahre Freiheit

Ansprache des Bürgermeisters Jorma Klauss am 12. September 2026:

Meine Damen und Herren,

ich freue mich, Sie heute hier im Sitzungssaal des Roetgener Rathauses begrüßen zu dürfen.

Der 12. September ist für Roetgen ein besonderer Tag. Vor 82 Jahren, am 12. September 1944, rückten amerikanische Soldaten aus Richtung Petergensfeld nach Roetgen ein. Roetgen war damit die erste deutsche Gemeinde, die von amerikanischen Truppen eingenommen und von der nationalsozialistischen Herrschaft befreit wurde.

Gerade hier bei uns erzählt schon die Grenze selbst einen Teil dieser Geschichte.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Eupen und Malmedy Belgien zugeschlagen. Roetgen wurde Grenzgemeinde. 1940 verschob das nationalsozialistische Deutschland diese Grenze mit Gewalt wieder, nachdem Belgien besetzt worden war.

Vier Jahre später kamen die amerikanischen Truppen genau über diese Grenze zurück.

Roetgen selbst hatte dabei Glück. Unser Ort blieb von den schweren Zerstörungen, die viele andere Orte in den folgenden Monaten erlebten, weitgehend verschont. Der Einmarsch verlief nahezu kampflos.

Aber wir sollten uns die Geschichte dieses Tages nicht einfacher machen, als sie war.

Es wäre falsch, im Rückblick den Eindruck zu erwecken, Roetgen habe geschlossen auf die Befreier gewartet. Auch hier hatte der Nationalsozialismus Anhänger. Nicht wenige Roetgener waren Mitglieder der NSDAP oder ihrer Organisationen. Die örtliche Verwaltung und Parteiführung waren fest in das nationalsozialistische System eingebunden.

Gleichzeitig gab es Menschen in Roetgen, die das Regime ablehnten, darunter auch solche, die Nachteile und Verfolgung erlebten.

Und vermutlich gab es viele dazwischen: Menschen, die sich angepasst hatten, geschwiegen hatten, mitgemacht hatten – und die im September 1944 vor allem eines waren: kriegsmüde und voller Unsicherheit.

Die amerikanischen Berichte über den Einmarsch spiegeln genau diese Stimmung wider. Zunächst wirkte der Ort nahezu verlassen. Viele Menschen hatten sich in ihren Häusern versteckt oder waren in die umliegenden Wälder geflohen. Weiße Tücher signalisierten, dass kein Widerstand geleistet werden sollte.

Dann änderte sich die Stimmung. Menschen kamen aus den Wäldern zurück. Amerikanische Soldaten berichteten, dass ihnen Kaffee und Blumen gebracht wurden. Die jahrelange Propaganda über den angeblichen Feind begann innerhalb weniger Stunden mit der Wirklichkeit zu kollidieren.

Für Roetgen war der Krieg damit im Wesentlichen vorbei.

Nur wenige Kilometer weiter begann jedoch ein neues, furchtbares Kapitel.

Der Raum Roetgen wurde zum Ausgangs- und Nachschubgebiet für den amerikanischen Vormarsch durch den Westwall und in den Hürtgenwald. Was dort in den folgenden Monaten geschah, entwickelte sich zu einer der verlustreichsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs in Westeuropa.

Das macht die besondere Bedeutung dieses Ortes aus:

Hier endete die nationalsozialistische Herrschaft vergleichsweise früh – während ganz in unserer Nähe noch monatelang Menschen starben.

Und wir befinden uns heute ausgerechnet im Sitzungssaal unseres Gemeinderates.

Seit der Kommunalwahl 2025 sitzen hier nicht mehr nur CDU, SPD, FDP, UWG und Grüne. Hinzugekommen sind die Linke – und die AfD mit zwei Sitzen.

Auch diese beiden Sitze sind nicht von irgendwoher gekommen. Sie sind durch Stimmen aus der Mitte der Roetgenerinnen und Roetgener entstanden.

Das sollte man nicht dramatisieren und schon gar nicht vorschnell historische Gleichsetzungen ziehen. Aber ebenso wenig sollte man darüber hinwegsehen.

Demokratie zeigt sich eben nicht nur darin, dass Wahlen stattfinden. Sie zeigt sich auch darin, wie wir miteinander umgehen, wie wir Minderheiten schützen, wie wir über politische Gegner sprechen und wie entschieden wir Freiheit, Rechtsstaat und Menschenwürde verteidigen.

Wenn wir heute von Roetgen nach Petergensfeld, Raeren oder Eupen fahren oder wandern, erleben wir diese Grenze kaum noch als Grenze.

Eine Grenze, die nach dem Ersten Weltkrieg neu gezogen, von den Nationalsozialisten gewaltsam verschoben und 1944 erneut zum Schauplatz des Krieges wurde, verbindet uns heute im Alltag.

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Botschaften dieses Jahrestages.

Geschichte ist nicht nur Erinnerung an das, was war. Sie erinnert uns auch daran, wie wenig selbstverständlich Frieden, Demokratie und ein geeintes Europa sind.

Und sie verpflichtet uns dazu, genau dafür einzutreten.

Ich danke Ihnen, dass Sie mit Ihrer heutigen Wanderung dazu beitragen, die Erinnerung an den 12. September 1944 und seine Bedeutung für Roetgen lebendig zu halten.

Ich wünsche Ihnen einen guten weiteren Weg.